Altenpflege schaut bundesweit gespannt auf Caritasprojekt in Münster
Altenheime erproben alternative Methode zu Pflegenoten/ Kessmann: Kurieren an Symptomen können Mängel nicht beheben
Diözese Münster (cpm). Eine Alternative zu den "Pflegenoten" erproben die Altenheime in der Diözese Münster. Der Startschuss für das Projekt, das schon im Vorfeld auf großes Interesse gestoßen ist, fiel gestern in Münster. "Sie setzen sich damit bundesweit an die Spitze der Bewegung", bescheinigte Ministerialrat Andreas Burkert aus dem NRW-Gesundheitsministerium dem Diözesancaritasverband bei der Auftaktveranstaltung am Mittwoch. Er erwarte "wertvolle Erkenntnisse" für die zur Zeit festgefahrene Diskussion um eine Weiterentwicklung der Pflegetransparenzvereinbarungen (PTV). Die erreichen nach Auffassung vieler Fachleute nicht das vom Gesetzgeber vorgegebene Ziel, pflegebedürftigen Menschen und ihren Angehörigen bei der Suche nach einem Altenheim oder einer Sozialstation Orientierung zu geben und die Qualität der Pflege weiter zu verbessern. Das erhofft sich Diözesancaritasdirektor Heinz-Josef Kessmann dagegen von dem Verfahren, das das Bielefelder Institut für Pflegewissenschaft und das Kölner Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik erarbeitet haben.
40 Altenheime werden im ersten Jahr des "Ergebnisorientierten Qualitätsmodells Münster" (EQMS) die Veränderungen im Pflegezustand der Bewohner feststellen. In der vergleichenden Bewertung der Einrichtungen gibt es keine Noten sondern die Einordnung über oder unter dem Durchschnitt. Um eigenes "Schönschreiben" zu verhindern, sind stichprobenhaft externe Prüfungen vorgesehen. Die Methode haben die beiden Institute bei der Erarbeitung des Gutachtens zur "Entwicklung und Erprobung von Instrumenten zur Beurteilung der Ergebnisqualität in der stationären Altenhilfe" bereits getestet. Die Caritas in der Diözese Münster wird sie als erster Träger in großem Umfang in die Praxis umsetzen.
Mit grundlegenden Mängeln, "die nicht durch ein Kurieren an den Symptomen behebbar sind", erklärte Kessman den Entschluss seines Verbandes, die weitere Diskussion um Veränderungen am System der Pflegenoten nicht abwarten zu wollen. Der Vorsitzende des Diözesancaritasverbandes, Dr. Klaus Winterkamp, bekräftigte, dass "Klagen allein nicht hilft, sondern man muss einen Anstoß geben." Deswegen wolle die Caritas in der Diözese Münster lieber Pionier sein.
Dr. Klaus Wingenfeld von der Uni Bielefeld sieht derzeit auch noch keinen überzeugenden Lösungsansatz für die Überarbeitung der PTV. Wobei es bei einem ersten Blick auf die "Noten" hervorragend um die Pflege in Deutschland bestellt zu sein scheint. Sie haben sich im letzten Jahr noch verbessert, so dass alle Bundesländer inzwischen im Schnitt besser als "gut" sind.
Tatsächlich habe die Diskussion in den letzten Jahren einen "Qualitätsschub" bewirkt, so Wingenfeld. Aber was sich im letzten Jahr in den Pflegenoten widerspiegle, sei nur die Anpassung an das Prüfverfahren. Gestritten werde bei den Prüfungen teilweise um "Pseudoprobleme in der Dokumentation". Kritischer sei allerdings noch zu sehen, dass Mitarbeiter verunsichert würden: "Wenn sie nur darauf achten, keinen Fehler zu machen, können sie nicht gut pflegen", stellte Wingenfeld fest.
Qualität "lässt sich dabei nicht allein durch Prüfungen von außen erreichen, sondern nur in gemeinsamem Bemühen", erklärte Ministerialrat Burkert. Wichtig sei es, aus dem Generalverdacht mangelhafter Pflege herauszukommen: "Sie leisten gute Pflege". Es sei ungerechtfertigt, wenn Ausreißer ein negatives Bild prägten. Denen "komme man auch mit Kontrolle nicht bei".
Das Wingenfeld-Verfahren setzt deshalb auch auf ein kontinuierliches Qualitätsmanagement in den Einrichtungen selbst. Statt wie die PTV derzeit, die vor allem dokumentierte Prozesse beurteile, gehe es hier um Ergebnisqualität, so Wingenfeld. Nicht stichprobenhaft einige wenige Bewohner würden dabei begutachtet, sondern die Entwicklung sämtlicher pflegebedürftiger Menschen in einer Einrichtung bewertet.
Der Diözesancaritasverband Münster hat für die Umsetzung des Projekts "Ergebnisorientiertes Qualitätsmodell Münster" eine Projektstelle eingerichtet. Interessierte Einrichtungen in der Diözese Münster können sich ab sofort bewerben. Mit 40 Heimen soll im ersten Jahr gestartet werden, weitere sollen in den nächsten Jahren hinzustoßen können. Insgesamt befinden sich 199 Altenheime in der Diözese Münster in katholischer Trägerschaft, in denen über 14.000 alte Menschen betreut werden.
